Das Tokyo National Museum — eine Annäherung
Das Tokyo National Museum (Tōkyō Kokuritsu Hakubutsukan) ist das älteste Nationalmuseum Japans und das größte Haus für japanische Kunst weltweit. Im Park von Ueno ist es ein Komplex aus sechs Gebäuden — wer alles sehen will, plant zwei Tage ein und kommt mit dem Willen zur Auswahl.
Gründung 1872 und Geschichte des Komplexes
Das Tokyo National Museum wurde 1872 gegründet, in einer Phase, in der Japan nach der Meiji-Restauration sein Verhältnis zur eigenen Vergangenheit neu definierte. Der ursprüngliche Standort war in Yushima, bevor der Komplex 1882 in den Park von Ueno verlegt wurde. Heute besteht er aus sechs Gebäuden: dem Honkan (japanische Hauptsammlung), dem Heiseikan (japanische Archäologie), dem Tōyōkan (asiatische Kunst), dem Hyōkeikan (einem imposanten Meiji-Bau aus dem Jahr 1909, der heute für besondere Anlässe genutzt wird), dem Hōryūji Hōmotsukan (Schätze des Hōryūji) und der Kuroda Memorial Hall, die dem Maler Kuroda Seiki gewidmet ist. Die Gesamtsammlung umfasst über 110 000 Objekte, von denen regelmäßig rund 4 000 gleichzeitig ausgestellt sind. Das Museum ist von der U-Bahn-Station Ueno (Ginza- und Hibiya-Linie) oder von der JR-Station Ueno in wenigen Gehminuten erreichbar.
Honkan — das Hauptgebäude
Watanabe Jins Hauptgebäude im Stil der „Imperialen Krone" wurde 1937 errichtet und verbindet westliche Konstruktion mit japanischen Dachelementen — eine typische Synthese der Vorkriegsmoderne. Es zeigt japanische Kunst von der Prähistorie bis ins neunzehnte Jahrhundert in thematischer Anordnung über zwei Etagen: Skulptur, Malerei, Kalligrafie, Keramik, Schwerter, Lackarbeiten, Textilien und Nō-Theater-Requisiten. Besonders eindrucksvoll ist Raum 8, der die japanische Schwerttradition von der Heian- bis zur Edo-Zeit veranschaulicht, mit Klingen, Scheiden und Beschlägen höchster handwerklicher Qualität. Im ersten Obergeschoss befinden sich die Gemälde und Kalligrafien, darunter Beispiele der Tosa- und Kanō-Schulen sowie frühe Yamato-e-Werke, die die heimische Bilderzählkunst des elften und zwölften Jahrhunderts repräsentieren. Wer die Sammlung erstmals besucht, sollte hier beginnen und sich mindestens zwei Stunden Zeit nehmen.
Hōryūji-Schätze — ein eigenes Universum
Die 1999 von Yoshio Taniguchi entworfene Hōryūji Hōmotsukan ist eines der stillen Meisterwerke des Tokioter Museumsbaus. Taniguchi — der auch das Museum of Modern Art in New York umgebaut hat — entwarf einen langgestreckten, niedrigen Bau, der sich mit einem Teich verbindet und eine fast meditative Atmosphäre erzeugt. Das Gebäude beherbergt rund 300 Objekte, die der Tempel Hōryūji in Nara 1878 dem Kaiserhaus übergab und die von dort an das Museum gelangten. Die 48 vergoldeten Bronzestatuen des Buddha aus dem siebten und achten Jahrhundert sind die Höhepunkte: viele davon zählen zu den National Treasures. Auch die Masken des Gigaku-Theaters — ein längst verschwundenes, aus China importiertes Bühnengenre — sind hier in großer Zahl erhalten. Das Gebäude schließt montags und dienstags sowie an Regentagen, wenn die Luftfeuchtigkeit eine Öffnung ausschließt; es lohnt sich, den Status vorab auf der Museumswebsite zu prüfen.
Tōyōkan — Asien jenseits Japans
Das 2013 vollständig sanierte Tōyōkan widmet sich der Kunst Asiens außerhalb Japans: China, Korea, Zentralasien, Indien, Südostasien, Ägypten und der Vordere Orient sind vertreten. Die chinesischen Keramiken — insbesondere die Seladon-Schalen der Song-Dynastie und die blau-weißen Ming-Porzellane — gehören zu den stärksten Teilen der Sammlung. Bemerkenswert ist auch die Abteilung für gandharische Skulptur, die die Begegnung hellenistischer und buddhistischer Bildtraditionen veranschaulicht. Das Erdgeschoss beherbergt ägyptische und westasiatische Objekte, darunter Mumien und Keilschrifttafeln.
Heiseikan — Archäologie des Archipels
Der Heiseikan, 1999 anlässlich der Hochzeit des Kronprinzenpaares eröffnet, beherbergt im zweiten Obergeschoss die umfangreichste japanische archäologische Dauerausstellung. Tonfiguren der Jōmon-Zeit (14 000–300 v. Chr.) mit ihren charakteristisch flammenden Konturen, bronzene Glocken (dōtaku) aus der Yayoi-Zeit, Haniwa-Figuren der Kofun-Zeit — Krieger, Priesterinnen, Pferde, Häuser — und buddhistisches Bronzematerial der Asuka-Zeit bilden eine chronologische Reise durch die Frühgeschichte Japans. Hier wird begreifbar, wie dicht die Schichtung der japanischen Kulturen ist: Zwischen den ersten Jōmon-Gefäßen und dem Aufstieg des Buddhismus liegen mehr als zehntausend Jahre. Im Erdgeschoss finden sich häufig Sonderveranstaltungen und Begleitausstellungen zu den laufenden archäologischen Grabungen in Japan; der aktuelle Veranstaltungskalender ist auf der Museumswebsite einsehbar.
National Treasures und Wichtige Kulturgüter
Das Museum verwahrt 89 als National Treasure (Kokuho) deklarierte Objekte und über 600 als Important Cultural Property (Jūyō Bunkazai) eingestufte Werke — eine Konzentration, die kein anderes Haus der Welt für japanische Kunst aufweist. Höhepunkte sind unter anderem der Haniwa-Krieger in Keikō-Rüstung aus der Kofun-Zeit, die stehende Bodhisattva-Figur (Bosatsu-Ryūzō) aus dem Hōryūji sowie Hasegawa Tōhakus großformatige Schiebetürbilder mit den Kiefern (Shōrin-zu Byōbu) aus dem späten sechzehnten Jahrhundert. Das Sōtatsu-Werk „Wind- und Donnergott" (bekannt aus dem Kennin-ji) ist in Kopien zu erleben; die Originale bleiben in Kyōto. In den Sonderausstellungsräumen können Nationaltresor-Objekte rotieren, die sonst aus konservatorischen Gründen nur selten gezeigt werden.
Der Garten und saisonale Öffnungen
Der Garten hinter dem Honkan ist nicht immer zugänglich: Er wird zweimal im Jahr für die Öffentlichkeit geöffnet — im Frühjahr zur Kirschblüte (in der Regel Ende März bis Mitte April) und im Herbst zur Laubfärbung (Oktober bis November). In diesen kurzen Fenstern werden auch die kleinen Teehäuser im Garten für Teezeremonien genutzt. Beide Phasen sind in Tokio besonders begehrt und können an den Wochenenden sehr voll werden; ein frühmorgendlicher Besuch kurz nach Öffnung um 9:30 Uhr ist zu empfehlen.
Sonderausstellungen und Veranstaltungskalender
Die Sonderausstellungshalle im Heiseikan zeigt regelmäßig große Leihausstellungen, die häufig international verliehene Werke aus japanischen Tempeln und Schreinen umfassen — ein Privileg, das normalen Besuchern sonst kaum zugänglich ist. Die jährliche Shōsōin-Schau im Herbst, bei der Teile der Schatzkammer des Tōdai-ji in Nara gezeigt werden, ist kulturell besonders bedeutsam und zieht langen Besucherandrang. Für Sonderausstellungen wird ein eigenes Ticket verlangt; Onlinevorbestellung ist sinnvoll, da Eintrittskontingente begrenzt sein können.
Besuchsstrategie und praktische Hinweise
Das Museum ist Dienstag bis Sonntag geöffnet, montags geschlossen (an Feiertagen, die auf Montag fallen, öffnet das Museum und schließt am folgenden Dienstag). Die Öffnungszeiten sind in der Regel 9:30 bis 17:00 Uhr, an Freitagen und Samstagen oft bis 20:00 oder 21:00 Uhr verlängert. Der Eintritt in die Dauerausstellung kostet für Erwachsene eine moderate Gebühr im Bereich von 1 000 Yen; Kombitickets mit Sonderausstellungen sind verfügbar und empfehlenswert. Schüler, Studierende und Personen über 70 erhalten Ermäßigung oder freien Eintritt — Ausweise mitbringen.
Wer nur einen Tag Zeit hat, sollte Honkan und Tōyōkan kombinieren; ein zweiter Tag für Hōryūji Hōmotsukan und Heiseikan lohnt sich für jeden, der sich für japanische Kulturgeschichte interessiert. Die Umgebung in Ueno bietet mit dem National Museum of Nature and Science (unmittelbar benachbart), dem National Museum of Western Art (ein Le-Corbusier-Bau, UNESCO-Welterbe) und dem Tokyo Metropolitan Art Museum weitere erstklassige Häuser in Gehweite. Wer abends noch Zeit hat, ist der Ameya-Yokochō-Markt an der JR-Station Ueno für eine letzte Zwischenmahlzeit eine klassische Tokioter Empfehlung.
Auf der Karte ist das Museum verzeichnet — die direkte Nachbarschaft in Ueno mit National Museum of Nature and Science und Tokyo Metropolitan Art Museum lässt sich gut zu einem langen Tag verbinden.