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Das architektengeführte Museum seit Bilbao

Wenige Bauten haben das Selbstverständnis einer Disziplin so verändert wie Frank Gehrys Guggenheim Bilbao. Was 1997 als kühnes Experiment einer baskischen Stadtregierung galt, ist seither ein global imitierter Bautyp — mit allen Folgen, die das mit sich bringt.

Der Bilbao-Effekt

Frank Gehrys Guggenheim Bilbao, eröffnet im Oktober 1997, hat das Verhältnis von Architektur und Museumsidentität neu definiert. Im ersten Jahr zog der mit Titanium ummantelte Bau eine Million Besucher an; in zwei Jahrzehnten ist ihm ein wirtschaftlicher Effekt von schätzungsweise vier Milliarden Euro auf die Region zugeschrieben worden.

Vorläufer

Vor Bilbao gab es bereits einzelne ikonische Museumsbauten der Spätmoderne. I. M. Peis Louvre-Pyramide (1989), James Stirlings Stuttgarter Staatsgalerie (1984) und Hans Holleins Museum Abteiberg in Mönchengladbach (1982) zeigten, dass zeitgenössische Architektur auch im Museumsbau ernstgenommen wurde. Bilbao hat den Trend dann auf eine andere Skala gehoben.

Nachahmungsprojekte

Städte weltweit haben Museen mit signature architecture in Auftrag gegeben, um den Bilbao-Effekt zu wiederholen. Die Ergebnisse fielen ungleich aus: Daniel Libeskinds Erweiterung des Denver Art Museum (2006) erntete Kritik wegen schlecht hängbarer Wände; das Guggenheim Abu Dhabi (geplant seit 2006) ist nach mehrfachen Verzögerungen noch immer nicht eröffnet.

Stararchitekten und Museumsidentität

Die Liste der Architekten, deren Werk maßgeblich durch Museumsaufträge geprägt ist, ist seither stetig gewachsen. Renzo Piano (Whitney, Centre Pompidou, Kimbell-Erweiterung); David Chipperfield (Neues Museum, James-Simon-Galerie); SANAA (New Museum, Louvre-Lens, Sydney Modern); Herzog & de Meuron (Tate Modern); Norman Foster (Great Court des British Museum). Museumsbau ist zum Karriereetikett geworden.

Form versus Funktion

Das Ikonenmodell wurde immer wieder kritisiert: zu viel Außenwirkung, zu wenig Funktion im Inneren. Überhängende Volumen, dramatische Lichtgesten und komplexe Wegeführungen stehen häufig im Konflikt mit der schlichten Anforderung, Kunst angemessen zu zeigen. Kuratorinnen und Kuratoren leiden mit, wenn ein spektakulärer Schwung die Sichtachse zur wichtigen Wand abschneidet.

Nachhaltigkeit

Jüngere Museumsarchitektur betont zunehmend Umweltperformance — Geothermie, Tageslichtnutzung, recyclierte Materialien. Der Whitney-Bau von 2015 enthält einen 280 Quadratmeter großen Regengarten. Die Sanierungen statt Neubauten in Berlin und Amsterdam folgen demselben Impuls.

Sanierung statt Neubau

David Chipperfields Wiederaufbau des Neuen Museums (2009) und die Sanierung des Rijksmuseums durch Cruz y Ortiz (2003-13) lassen einen Gegenstrom erkennen — den respektvollen Umgang mit historischer Substanz. Das ist langsamer, teurer und weniger pressetauglich, aber kuratorisch oft das überzeugendere Modell.

Die jüngste Verlangsamung

Manche Großprojekte sind in den letzten Jahren gekippt oder verschoben worden — das Helsinki Guggenheim wurde 2016 endgültig abgesagt, britische Projekte der Brexit-Phase verzögerten sich erheblich. Das Modell des unbedingten Starchitekten-Museums steht unter Vorbehalt.

Bilanz

Bilbao hat nicht Bilbao allein gerettet — der Erfolg des Museums war Teil eines umfassenderen baskischen Stadterneuerungsprogramms. Die Lehre lautet, dass Architektur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für eine museumsgetriebene Stadtentwicklung ist. Wer den Bilbao-Effekt isoliert verkauft, kauft eine Hoffnung, kein Konzept.

Auf der Karte lassen sich die wichtigsten "Bilbao-Nachfolger" verfolgen — von Lens und Helsinki über Sydney bis Abu Dhabi.