Der White Cube — Geschichte einer Ausstellungsform
Der White Cube wirkt natürlich, neutral, ohne Geschichte. Genau das ist seine Pointe — und zugleich der Grund, warum er seit den siebziger Jahren immer wieder kritisiert wird. Wer einen modernen Galerieraum betritt, sieht selten, dass er ein Stilmittel betritt.
Ursprünge
Der White Cube — kahle weiße Wände, polierter Beton- oder Holzboden, dezente Beleuchtung, keine kontextuelle Dekoration — etablierte sich ab den 1930er Jahren als Standard moderner Ausstellungen. Alfred Barr und sein Hängungsansatz im 1929 gegründeten MoMA waren ein frühes Vorbild; ab den fünfziger Jahren wurde das Format weltweit übernommen.
Brian O'Dohertys Kritik
Der irisch-amerikanische Künstler Brian O'Doherty veröffentlichte 1976 in Artforum eine dreiteilige Essayreihe ("Inside the White Cube"), später erweitert zum gleichnamigen Buch. Er bezeichnete den White Cube als ideologische Entscheidung, die sich als Neutralität tarnt. Sie betont individuelle Kontemplation, entkontextualisiert Werke und verstärkt die Wahrnehmung von Kunst als handelbarem Gut.
Vor der Moderne
Galerieräume des neunzehnten Jahrhunderts waren tapeziert oder in tiefem Rot oder Grün gestrichen, mit Gemälden im Petersburger Stil — mehrere Reihen, Rahmen an Rahmen, bis unter die Decke. Die Wallace Collection in London bewahrt diesen Ansatz vollständig; die Frick Collection in New York teilweise.
Modernistischer Übergang
Mit dem MoMA und den Hängungen unter Barr setzte sich der modernistische Auftritt durch: einreihig, großzügige Abstände, weiße Wände. Über fast acht Jahrzehnte wurde dieses Format zur dominierenden Konvention; heute hängt fast jede Galerie für zeitgenössische Kunst nach demselben Prinzip.
Zeitgenössische Alternativen
Die jüngere Ausstellungsgestaltung stellt den White Cube zunehmend in Frage. Farbig gestrichene Wände (die tief blau- und rotfarbigen Säle des sanierten Sainsbury Wing in London), Period-Room-Rekonstruktionen, Künstlerinszenierungen (Carsten Höller, Robert Wilson) und gerichtetes Stimmungslicht zeigen, dass es Alternativen gibt — und dass sie kuratorisch produktiv sein können.
Argumente für den White Cube
Verteidiger argumentieren, der White Cube erlaube ein konzentriertes Sehen ohne Ablenkung, lasse sich auf viele Kunstformen anwenden und sei eine, wenn auch konstruierte, nützliche Konvention. Wer abstrakte Malerei in einem barocken Saal hängt, weiß, was er an einem weißen Raum hat.
Argumente dagegen
Kritiker entgegnen, der White Cube sei nicht neutral, sondern spezifisch modernistisch. Bestimmte Kunstformen — religiöse Ikonen, ethnographische Objekte, zeitgenössische Installationen — würden benachteiligt; eine exklusive Ästhetik des kontemplativen Sammlerblicks werde unbewusst zur Norm gemacht.
Hybride Modelle
Viele jüngere Museen kombinieren White-Cube-Säle für die Gegenwartskunst mit stärker kontextualisierten Inszenierungen für historische oder ethnographische Bestände. Das Akzeptieren der Tatsache, dass keine einzelne Konvention allen Beständen gerecht wird, hat dem White Cube seinen Status als universelle Lösung genommen.
Bilanz
Der White Cube ist kein selbstverständlicher Standard mehr. Seine Wahl wird heute als kuratorische Entscheidung verstanden, nicht als neutrale Grundausstattung. Das ist vielleicht der wichtigste museumspolitische Gewinn der vergangenen zwei Jahrzehnte.
Auf der Karte lassen sich Häuser markieren, deren Hängungsphilosophie sich beobachten lässt — von den klassischen Sälen der Wallace Collection bis zu den hybriden Räumen des V&A.