Eine kurze Geschichte des öffentlichen Museums
Das öffentliche Museum ist eine moderne Erfindung. Erst seit dem späten siebzehnten Jahrhundert gibt es Sammlungen, deren erklärtes Ziel es ist, einem breiten Publikum systematisch zugänglich zu sein. Davor, danach und parallel dazu existierten andere Formen — Tempelschätze, Klosterschatzkammern, fürstliche Wunderkammern. Die folgende Skizze zeichnet die wichtigsten Stationen nach.
Antike und mittelalterliche Vorläufer
Griechische Tempel bewahrten Weihegaben und Stiftungen, die für Besucher unter Aufsicht der Priester zugänglich waren. Die Bibliothek von Alexandria umfasste Sammlungen wissenschaftlicher Instrumente und Naturalien. Mittelalterliche Domschätze beherbergten Reliquien, Goldschmiedearbeiten und liturgische Geräte, die jedoch nur zu festgelegten Anlässen und mit dem Segen des Klerus gezeigt wurden.
Wunderkammern der Renaissance
Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert entstanden an europäischen Höfen die Wunderkammern — Sammlungen, die Naturalia, Artificialia und Exotica zugleich präsentierten. Rudolf II. in Prag, die Medici in Florenz, die Habsburger in Wien und die dänischen Könige in Kopenhagen unterhielten kostbare Studiolos. Der Zugang war jedoch dem Hof vorbehalten; die Sammlung diente der Selbstdarstellung und dem gelehrten Gespräch, nicht der bürgerlichen Bildung.
Das Ashmolean 1683
Das Ashmolean Museum in Oxford, 1683 mit der Schenkung Elias Ashmoles und dem Tradescant'schen Naturalienkabinett eröffnet, gilt als ältestes öffentliches Museum der Welt. Eintritt war frei, das Publikum nicht standesgebunden. Das institutionelle Modell — eine Universität als Trägerin einer dauerhaft öffentlichen Sammlung — verbreitete sich von Oxford aus nur langsam.
Das British Museum 1759
Das 1753 per Parlamentsbeschluss aus der Sammlung Hans Sloanes gegründete British Museum öffnete im Januar 1759 seine Türen für die "studious and curious persons" der Öffentlichkeit. Der Eintritt war frei, aber zunächst per Anmeldung und unter Aufsicht. Das Prinzip der freien Zugänglichkeit zu einer staatlich getragenen Sammlung wurde damit gesetzt und ist das langlebigste Erbe des britischen Modells.
Der Louvre 1793
Die Französische Revolution öffnete den Palais du Louvre am 10. August 1793 als "Muséum central des Arts de la République". Drei Tage in der Woche freier Eintritt, ausdrücklich republikanische Bildungsziele, die königliche Sammlung in den Dienst der Nation gestellt. Aus diesem Akt entstand das Modell des nationalen Kunstmuseums, das sich im neunzehnten Jahrhundert über ganz Europa ausbreitete.
Das neunzehnte Jahrhundert
Im neunzehnten Jahrhundert öffneten Dutzende nationale Häuser: der Prado in Madrid (1819), die National Gallery in London (1824), die Alte Pinakothek in München (1836), die Eremitage formell für das breite Publikum (1852), das Rijksmuseum in Amsterdam (1885). Sie waren Bestandteil eines bürgerlich-nationalen Selbstverständnisses und zugleich Ausdruck industrieller Selbstvergewisserung. Viele Sammlungen wuchsen jedoch durch koloniale Expeditionen, archäologische Erwerbungen unter ungleichen Verhältnissen und ethnographischen Ankauf — die Legitimität dieser Bestände wird heute neu verhandelt.
Das amerikanische Modell
In den USA entstand mit dem Metropolitan Museum (1870), dem Museum of Fine Arts in Boston (1870) und dem Art Institute of Chicago (1879) ein anderes Modell: nicht aus königlichem Bestand, sondern aus bürgerlich-philanthropischem Engagement. Vorstandsstrukturen, Mäzene und Eintrittsgelder prägen die Häuser bis heute und unterscheiden sie strukturell von ihren europäischen Schwestern.
Das zwanzigste und einundzwanzigste Jahrhundert
Im zwanzigsten Jahrhundert kam das Museum für moderne Kunst dazu — MoMA New York 1929 als Prototyp. Nach 1945 entstanden Nationalmuseen in den neuen unabhängigen Staaten Afrikas und Asiens; nach 1989 öffneten sich osteuropäische Sammlungen, mit Eröffnung des Guggenheim Bilbao 1997 begann die Phase der starautorenarchitektur. Die Gegenwart ist geprägt von Diskussionen um Restitution, Dekolonisation, Diversität und digitale Transformation.
Auf der Karte sind die hier erwähnten Häuser verortet — eine Reise durch die Geschichte des öffentlichen Museums lässt sich von dort aus konkret planen.