Eine kurze Geschichte des öffentlichen Museums
Das öffentliche Museum ist eine erstaunlich junge Idee. Erst seit dem späten siebzehnten Jahrhundert gibt es Sammlungen, deren erklärtes Ziel es ist, einem breiten Publikum dauerhaft und systematisch zugänglich zu sein. Davor existierten andere Formen — Tempelschätze, Klosterschatzkammern, fürstliche Wunderkammern —, die Objekte verwahrten, aber den Zugang kontrollierten. Die folgende Skizze zeichnet die wichtigsten Stationen dieser langen Vorgeschichte und die Entstehung des modernen Museums nach.
Antike und mittelalterliche Vorläufer
Griechische Tempel bewahrten Weihegaben und Stiftungen auf, die unter Aufsicht der Priester besichtigt werden konnten. Siegesbeuten, Statuen und Votivgaben füllten die Schatzhäuser von Olympia und Delphi — eine Art kuratierter Ausstellung, freilich im Dienst der Götter, nicht der Bildung. Die Bibliothek von Alexandria, gegründet um 300 v. Chr. unter Ptolemaios I., umfasste neben Papyrusrollen auch wissenschaftliche Instrumente, anatomische Präparate und zoologische Sammlungen; manche Historiker sehen in ihr das älteste institutionelle Pendant zu einem naturkundlichen Museum.
Im Mittelalter übernahmen Domschätze diese bewahrende Rolle. Die Schatzkammer des Wiener Kunsthistorischen Museums beherbergt Teile des Habsburger Kirchenschatzes, der bis ins frühe Mittelalter zurückreicht. Im Dom zu Aachen wurden Karlsreliquien, Elfenbeinkämme und byzantinische Textilien gezeigt, die Pilger von weither anzogen. In der Kathedrale von Canterbury machten die Reliquien Thomas Beckets das Haus zu einem der meistbesuchten Wallfahrtsorte Europas. Der Zugang blieb jedoch rituell gerahmt: Man sah, um zu beten, nicht um zu lernen.
Wunderkammern der Renaissance
Das sechzehnte und frühe siebzehnte Jahrhundert brachten einen grundlegenden Wandel. An europäischen Höfen entstanden Wunderkammern, die Naturalia, Artificialia und Exotica — Naturprodukte, Kunstgegenstände, Kuriositäten aus fernen Ländern — in einem einzigen Raum vereinten und damit die Ordnung der Welt sichtbar machen sollten. Kaiser Rudolf II. füllte seine Prager Hofburg mit über 3.000 Objekten: astronomische Instrumente, Gemälde Dürers und Arcimboldos, ausgestopfte Exoten, Bezoarsteine. Die Medici in Florenz verwandelten die Uffizien zunächst in ein Studiolo für Gelehrte und Gesandte, bevor Francesco I. 1581 den Ostgang als begehbare Galerie einrichtete — ein frühes Ausstellungskonzept, das den modernen Museumsbau vorwegnahm.
Der Apotheker und Naturforscher Ferrante Imperato öffnete sein Naturalienkabinett in Neapel 1599 für Besucher und ließ es in einer oft reproduzierten Darstellung festhalten — eine der frühesten bildlichen Darstellungen eines solchen Raumes. In Rom verwendete Michele Mercati in den 1580er Jahren für seine Sammlung päpstlicher Mineralien den Begriff "museum" — möglicherweise die erste Verwendung dieses Wortes im modernen Sinne. Der Zugang blieb dennoch dem gebildeten Adel und dem Klerus vorbehalten; Sammeln war Herrschaftszeichen, keine Bürgerpflicht.
Das Ashmolean 1683: Das erste öffentliche Museum
Den Sprung zur öffentlichen Institution vollzog das Ashmolean Museum in Oxford. Der Antiquar Elias Ashmole hatte die Naturaliensammlung des Gärtners und Forschungsreisenden John Tradescant geerbt — das sogenannte "Tradescant's Ark" in Lambeth, das Kuriositäten aus drei Kontinenten enthielt — und vermachte sie der Universität Oxford. Am 24. Mai 1683 öffnete das Museum im Broad-Street-Gebäude seine Tore; der Eintritt war frei, der Zugang nicht standesgebunden. 1894 zog die Sammlung in das heutige neoklassizistische Gebäude am Beaumont Street um, wo sie bis heute zu sehen ist.
Das institutionelle Modell war neu: Eine Universität als Trägerin einer dauerhaft öffentlichen Sammlung, verbunden mit Forschung und Lehre. Dieser Gedanke verbreitete sich zunächst langsam, wirkt aber bis in die Gegenwart nach.
Das British Museum 1759: Parlament und Nation
Das 1753 per Parlamentsbeschluss gegründete British Museum setzte einen weiteren Maßstab. Die Grundlage bildete die Sammlung des Arztes und Naturkundlers Sir Hans Sloane: 71.000 Objekte — Münzen, Pflanzenproben, Manuskripte, ethnographische Gegenstände —, die er der Nation zu einem symbolischen Preis vermachte. Im Januar 1759 öffnete das Museum in Montagu House, Bloomsbury, für "studious and curious persons"; der Eintritt war frei, zunächst allerdings nur nach vorheriger Anmeldung.
1852 zog die Sammlung in das heutige Gebäude von Robert Smirke, dessen neoklassizistische Säulenfront zum Inbegriff des öffentlichen Bildungstempels wurde. Im berühmten Runden Lesesaal, der 1857 eröffnet wurde, arbeitete Karl Marx an seinen Manuskripten zum Kapital — ein Sinnbild für die demokratisierende Kraft des freien Zugangs zu Wissen und Objekten. Das British Museum bleibt bis heute ohne Eintritt; sein Bestand von über acht Millionen Objekten macht es zu einer der größten Sammlungen der Welt.
Der Louvre 1793: Revolution und Republik
Keine andere Museumsgründung ist so unmittelbar politisch wie die des Louvre. Am 10. August 1793 — dem ersten Jahrestag des Sturzes der Monarchie — öffnete das "Muséum central des Arts de la République" im Palais du Louvre seine Türen. Die königliche Sammlung wurde in den Dienst der Nation gestellt; an drei Tagen pro Woche war der Eintritt frei. Der revolutionäre Gedanke lautete: Das Schöne gehört allen.
Heute beherbergt der Louvre rund 380.000 Objekte, von denen etwa 35.000 dauerhaft ausgestellt sind — darunter die Mona Lisa, die Venus von Milo und die Geflügelte Nike von Samothrake. Die gläserne Pyramide, die I. M. Pei 1989 im Innenhof errichtete, wurde zunächst heftig kritisiert und ist heute zum Wahrzeichen des Hauses geworden. Mit jährlich acht bis neun Millionen Besucherinnen und Besuchern zählt der Louvre zu den meistbesuchten Museen der Erde.
Das neunzehnte Jahrhundert: Nationaler Bildungstempel
Im neunzehnten Jahrhundert verbreitete sich das Modell des nationalen Kunstmuseums über ganz Europa. Der Prado in Madrid öffnete 1819 mit der spanischen Königssammlung, die Meisterwerke von Velázquez und Goya enthält. Die National Gallery in London folgte 1824 und bezog 1838 ihr heutiges Gebäude am Trafalgar Square. Die Alte Pinakothek in München, 1836 von Leo von Klenze entworfen, versammelt Rubens, Dürer und Raffael unter einem Dach. Die Eremitage in Sankt Petersburg, bereits im achtzehnten Jahrhundert als Privatsammlung Katharinas der Großen begonnen, öffnete 1852 formell für das breite Publikum. Das Rijksmuseum in Amsterdam, 1885 nach Plänen von P. J. H. Cuypers eröffnet, beherbergt Rembrandts Nachtwache und Vermeers Milchmädchen.
In den USA entstand 1870 das Metropolitan Museum of Art am Rand des Central Park — nicht aus königlichem Erbe, sondern aus bürgerlich-philanthropischem Engagement. In demselben Jahr wurde das Museum of Fine Arts in Boston eröffnet, 1879 das Art Institute of Chicago. Das amerikanische Modell unterscheidet sich grundlegend vom europäischen: Vorstandsstrukturen, private Mäzene, Eintrittsgelder und Sonderschauen prägen die Häuser bis heute.
Zugleich wuchsen viele Sammlungen durch koloniale Erwerbungen und archäologische Mitnahmen unter ungleichen Machtverhältnissen. Die Elgin Marbles, die Lord Elgin zwischen 1801 und 1812 vom Parthenon in Athen abtrug, werden im British Museum verwahrt und von Griechenland zurückgefordert. Die Benin-Bronzen, im Zuge eines britischen Straffeldzuges 1897 geraubt, befinden sich in Dutzenden europäischen Museen; einige wurden bereits zurückgegeben. Die Büste der Nofretete, seit 1913 im Berliner Neuen Museum, ist bis heute Gegenstand ägyptischer Restitutionsforderungen.
Das zwanzigste und einundzwanzigste Jahrhundert: Architektur und Restitution
Das Museum of Modern Art in New York, 1929 von Abby Aldrich Rockefeller, Lillie P. Bliss und Mary Quinn Sullivan gegründet, etablierte das Modell des autonomen Kunstmuseums für die Moderne. Das Centre Pompidou in Paris, 1977 von Renzo Piano und Richard Rogers eröffnet, brach mit der Tradition des Bildungstempels: Tragwerke, Lüftungsrohre und Rolltreppen liegen offen an der Fassade — das Gebäude als offener Prozess.
Den Begriff "Bilbao-Effekt" prägte das Guggenheim-Museum Bilbao, das Frank Gehry 1997 mit titanverkleideten, organisch geschwungenen Fassaden in eine deindustrialisierte Hafenstadt setzte. Das Gebäude löste eine stadtplanerische Erneuerung aus, die Bilbao in eine europäische Kulturhauptstadt verwandelte, und setzte weltweit einen Standard für Architektur als Stadtmarketing. Die Tate Modern in London, 2000 von Herzog und de Meuron in einem umgebauten Bankside-Kraftwerk eröffnet, folgte demselben Prinzip.
Die Gegenwart ist geprägt von drei Debatten: Restitution (einige Benin-Bronzen wurden zurückgegeben, die Parthenon-Friese bleiben umstritten), Dekolonisierung der Narrativen und digitale Transformation. Viele Häuser stellen ihre Sammlungsdaten frei ins Netz; andere öffnen Archive für gemeinnützige Nachnutzung. Was das Museum ist und wem es gehört, bleibt eine offene Frage.
Auf der Karte sind viele der hier erwähnten Häuser verortet — eine Reise durch die Geschichte des öffentlichen Museums lässt sich von dort aus konkret planen.