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Die Rückgabe der Benin-Bronzen

Die Benin-Bronzen sind zum Schlüsselfall der Restitutionsdebatte geworden. Was vor zwanzig Jahren noch eine Randposition war, ist heute institutioneller Mainstream — und der Weg dorthin lässt sich an wenigen historischen Etappen erzählen.

Die Strafexpedition von 1897

Im Februar 1897 griff ein britisches Militärkontingent unter Konteradmiral Harry Rawson Benin City an, als Vergeltung für den Tod britischer Offiziere in einem Handelsdisput vom Januar desselben Jahres. Eine britische Handelsgesellschaft hatte Zugang zum Palmölmarkt gefordert; der Oba (König) Ovonramwen lehnte ab. Ein schlecht abgesicherter Konvoi wurde am 4. Januar angegriffen, acht britische Offiziere getötet. London reagierte mit einer Strafexpedition. Die Stadt wurde niedergebrannt; tausende Bronze- und Elfenbeinobjekte wurden aus dem königlichen Palast entwendet, darunter etwa 5.000 Gedenktafeln und Skulpturen — Gedenkplatten aus der Zeit des 16. bis 18. Jahrhunderts, die Hofszenen, Krieger, Könige und diplomatische Empfänge darstellten. Oba Ovonramwen wurde ins Exil nach Calabar verbannt, wo er 1914 starb. Das Königreich Benin hörte auf zu existieren und wurde Teil der britischen Kolonie Südnigeria.

Die Bronzen selbst waren kein Kriegsgerät und kein Staatsvermögen im modernen Sinne — sie waren sakrale Objekte, zuständig für die Ahnenverehrung des Hofes. Ihre Wegnahme war damit nicht nur Plünderung, sondern ein Angriff auf das religiöse und dynastische Gedächtnis des Königreichs.

Streuung in die Museen

Die geraubten Objekte wurden teils der britischen Admiralität übergeben, teils auf Auktionen verkauft, teils von einzelnen Offizieren behalten. Die größten Bestände landeten im British Museum (rund 700 Werke), im Ethnologischen Museum Berlin im Humboldt Forum (rund 500 Werke), im Weltmuseum Wien sowie im Pitt Rivers Museum in Oxford und im Museum of Archaeology and Anthropology in Cambridge. Dutzende amerikanische, europäische und australische Häuser erwarben weitere Stücke — das Museum für Völkerkunde Hamburg, das Linden-Museum Stuttgart, das Rautenstrauch-Joest-Museum Köln, das Grassimuseum Leipzig, das Staatliche Museum für Völkerkunde Dresden.

Schätzungen zufolge befinden sich heute zwischen 5.000 und 10.000 Benin-Objekte in Sammlungen außerhalb Nigerias. Nicht alle gelangten durch die Expedition von 1897 in die Häuser; ein Teil wurde später legal erworben oder als Geschenke übergeben, doch die Hauptmasse stammt direkt oder indirekt aus dem Raub.

Die Benin Dialogue Group

2007 gegründet, koordiniert die Benin Dialogue Group europäischer Museen mit der nigerianischen National Commission for Museums and Monuments (NCMM) die Gespräche über die Rückgabe. Mitglieder sind unter anderem das British Museum, das Ethnologische Museum Berlin, das Weltmuseum Wien, das Rijksmuseum voor Volkenkunde Leiden sowie Häuser in Stockholm, Wien und Brüssel. Die Gruppe zielte zunächst auf Leihgaben und gemeinsame Ausstellungsprojekte, nicht auf Eigentumsübertragungen. Über lange Jahre blieb sie ohne konkrete Ergebnisse — ein Arrangement, das von nigerianischer Seite zunehmend als Hinhaltetaktik kritisiert wurde.

Die deutsche Rückgabe 2022

Der Wendepunkt kam aus Deutschland. Im Rahmen eines breiten politischen Konsenses — getragen von Bundesaußenministerin Annalena Baerbock und Kulturstaatsministerin Claudia Roth — übertrug Deutschland 2022 förmlich das Eigentum an rund 1.100 Benin-Bronzen an Nigeria. Es war ein präzedenzloser Schritt, der erste einer Großmacht in der Geschichte der Restitutionsdebatte. Stuttgart gab 67 Werke zurück, das Ethnologische Museum Berlin 512, das Linden-Museum Stuttgart, das Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim, das Übersee-Museum Bremen und andere Häuser folgten. Im Juli 2022 wurde eine erste Gruppe von 22 Objekten in einem feierlichen Akt in Abuja übergeben — darunter ein Bronzekopf des Oba aus dem späten 16. Jahrhundert.

Viele Stücke verbleiben allerdings über Leihverträge zunächst weiter in deutschen Häusern, was Teile der nigerianischen Öffentlichkeit kritisieren. Die Debatte über echte Restitution versus Dauerleihe ist damit nicht abgeschlossen.

Britische Position

Das British Museum ist durch den British Museum Act 1963 rechtlich gehindert, Objekte aus seiner Sammlung dauerhaft ohne parlamentarische Entscheidung abzugeben — eine Einschränkung, die auch für das Victoria and Albert Museum und andere nationale Häuser gilt. Das British Museum hält rund 700 Benin-Objekte, darunter einige der qualitätvollsten Bronzeköpfe und Gedenkplatten. Direktoren und Kuratoren haben in öffentlichen Stellungnahmen Rückgaben grundsätzlich abgelehnt, obwohl interne Debatten zunehmend offener werden.

Kleinere britische Häuser — das Aberdeen Art Gallery and Museum, das Cambridge Museum of Archaeology and Anthropology, das Horniman Museum in London, das Glasgow Kelvingrove Museum — haben dagegen unabhängig Transfers vorgenommen und damit bewiesen, dass der rechtliche Weg möglich ist, wenn der politische Wille vorhanden ist.

Rückgaben aus den USA

Die Smithsonian Institution gab 2022 29 Objekte an Nigeria zurück, darunter Bronzeköpfe und Gedenkplatten aus dem Bestand des National Museum of African Art in Washington, D.C. Zahlreiche US-Universitätsmuseen folgten: die Yale University Art Gallery, das Peabody Essex Museum in Salem, das Chicago Field Museum. Die Rhode Island School of Design gab 2023 ihren Bestand zurück. In vielen Fällen geschah dies ohne parlamentarische Hindernisse, weil US-Museen rechtlich flexibler agieren können als britische Staatshäuser.

Wohin gehen die Werke?

Das geplante Edo Museum of West African Art (EMOWAA) — entworfen vom ghanaisch-britischen Stararchitekten David Adjaye — soll in Benin City auf dem Gelände des ehemaligen Königspalastes entstehen und die zurückkehrenden Werke aufnehmen. Das Projekt wurde 2021 angekündigt; seine Realisierung hängt von Finanzierung und politischer Stabilität in Nigeria ab. Strittig bleibt, ob das Eigentum bei der nigerianischen Bundesregierung oder unmittelbar beim Oba (König) von Benin liegen soll — eine politische Frage, die Nigeria intern austrägt. Oba Ewuare II., seit 2016 regierender König, hat mehrfach erklärt, die Bronzen gehörten dem Hof und nicht dem Staat.

Benin City liegt im heutigen Edo State, etwa 320 Kilometer östlich von Lagos, und ist mit dem Auto oder per Inlandsflug von Lagos oder Abuja aus erreichbar. Für Besucher, die die Ursprungsorte der Bronzen erkunden möchten, bietet Benin City das Benin National Museum, das heute eine kleinere Auswahl historischer Hofkunst zeigt.

Repliken und Leihverträge

Einige europäische Häuser haben angeboten, Repliken zu behalten und Originale zurückzugeben; dieser Vorschlag wird von Teilen der nigerianischen Öffentlichkeit als symbolisch ungenügend abgelehnt, von anderen als pragmatischer Zwischenschritt akzeptiert. Die Qualität moderner 3D-Druckreplikate ist hoch, doch Museumsfachleute warnen, dass Repliken nicht dieselbe Lehr- und Forschungsfunktion erfüllen können wie Originale.

Das Leihvertragsmodell — Eigentumsübertragung bei gleichzeitigem Verbleib der Objekte im europäischen Haus — ist ein Kompromiss, der von der nigerianischen NCMM zunächst akzeptiert wurde, von Kulturaktivisten aber als Mogelpackung kritisiert wird. Die Diskussion spiegelt tiefere Fragen: Wer definiert Kulturerbe, wer darf es zeigen, und wer hat das letzte Wort über seinen Aufbewahrungsort?

Weitere Bedeutung

Der Fall der Benin-Bronzen hat die Debatten um die Parthenon-Skulpturen (im British Museum und im Nationalen Archäologischen Museum Athen), die Maqdala-Schätze (aus Äthiopien, verteilt auf britische Häuser), die Bestände australischer Aborigines-Objekte und die Benin-Bronzen selbst nachhaltig geprägt. Er hat auch eine Diskussion in der Museumswelt ausgelöst über sogenannte Universalmuseen — die Idee, dass große Häuser wie das British Museum oder der Louvre das Weltkulturerbe stellvertretend für die Menschheit aufbewahren. Diese Idee wird heute stärker hinterfragt als je zuvor.

Was früher als Sonderfall galt, ist heute Vergleichsmaßstab. Jedes neue Restitutionsbegehren — ob es um Moai-Statuen aus Chile, Maori-Taonga aus Neuseeland oder Benin-Bronzen aus Nigeria geht — wird mit dem Benin-Fall verglichen und daran gemessen. Die rechtlichen, ethischen und politischen Argumente, die in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt wurden, haben eine neue Sprache der Restitution geschaffen, die weltweit angewendet wird.

Auf der Karte lassen sich die wichtigsten beteiligten Häuser markieren — von Berlin und Hamburg über London und Wien bis nach Cambridge und Aberdeen.